6. Empedokles - ein Vorsokratiker
Empedokles (ca. 494 - 434 v. Chr.) sollte den Weg aus dem Netz
finden, in dem die Philosophie sich verheddert hatte. Er
meinte, dass sowohl Parmenides als auch Heraklit mit einer
Behauptung recht hätten, sich in einem anderen Punkt aber
auch beide irrten. Für Empedokles beruhte die große
Uneinigkeit darauf, dass die Philosophen fast
selbstverständlich davon ausgegangen waren, dass es nur
einen Grundstoff gäbe. Wenn das stimmte, dann wäre der
Abgrund zwischen dem, was die Vernunft sagt, und dem, was
wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, unüberbrückbar. Wasser
kann natürlich nicht zu einem Fisch oder zu einem
Schmetterling werden. Das Wasser kann sich überhaupt nicht
verändern. Sauberes Wasser bleibt bis in alle Ewigkeit sauberes
Wasser. Also hatte Parmenides damit recht, dass nichts sich
verändert. Gleichzeitig stimmte Empedokles Heraklit darin zu,
dass wir dem vertrauen müssen, was unsere Sinne uns
erzählen. Wir müssen glauben, was wir sehen, und wir sehen
nun einmal dauernde Veränderungen in der Natur.
Empedokles kam zu der Erkenntnis, saß die Vorstellung des
einen, einzigen Urstoffes verworfen werden musste. Weder
Wasser noch Luft können sich allein in einen Rosenbusch oder
einen Schmetterling verwandeln. Die Natur kann also
unmöglich mit nur einem Grundstoff auskommen. Empedokles
glaubte, die Natur habe insgesamt vier Urstoffe oder
»Wurzeln«, wie er das nannte. Diese vier Wurzeln nannte er
Erde, Luft, Feuer und Wasser.
Alle Veränderungen in der Natur ergeben sich dadurch, dass
die vier Stoffe sich mischen und wieder voneinander trennen.
Denn alles besteht aus Erde, Luft, Feuer und Wasser, nur eben
in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Wenn eine
Blume oder ein Tier stirbt, trennen die vier Stoffe sich wieder
voneinander. Diese Veränderung können wir mit bloßem Auge
wahrnehmen. Aber Erde und Luft, Feuer und Wasser bleiben
ganz unverändert oder unberührt von allen Mischungen, in die
sie eingehen. Es stimmt also nicht, dass »alles« sich verändert.
Im Grunde verändert sich gar nichts. Was geschieht, ist einfach
nur, dass sich vier verschiedene Stoffe mischen und wieder
trennen - um sich dann wieder zu mischen.
Wir können das vielleicht mit einem Kunstmaler vergleichen.
Wenn er nur eine Farbe hat - Rot zum Beispiel -, kann er keine
grünen Bäume malen. Aber wenn er Gelb, Rot, Blau und
Schwarz hat, kann er viele Hunderte von verschiedenen Farben
malen, weil er die Farben in verschiedenen Verhältnissen
mischt.
Ein Beispiel aus der Küche zeigt uns dasselbe. Wenn ich nur
Mehl habe, müsste ich ein Zauberer sein, um daraus einen
Kuchen zu backen. Aber wenn ich Eier und Mehl, Milch und
Zucker habe - dann kann ich aus den vier Rohstoffen viele
verschiedene Kuchen herstellen.
Es war kein Zufall, dass Empedokles gerade Erde, Luft, Feuer
und Wasser für die Wurzeln der Natur hielt. Vor ihm hatten
andere Philosophen den Beweis versucht, dass der Urstoff
entweder Wasser, Luft oder Feuer sein musste. Dass Wasser
und Luft wichtige Elemente in der Natur sind, hatten Thales
und Anaximenes betont. Die Griechen hielten auch das Feuer
für wichtig. Sie sahen zum Beispiel die Bedeutung der Sonne
für alles Leben in der Natur, und natürlich kannten sie die
Körperwärme von Menschen und Tieren.