Sokrates- ein Joker aus Athen
Gesprächskunst
Der eigentliche Kern in Sokrates' Wirken war, dass er die Menschen nicht belehren
wollte. Statt dessen vermittelte er den Eindruck, selber von seinem
Gesprächspartner lernen zu wollen. Er unterrichtete also nicht wie irgendein
Schullehrer. Nein, er führte Gespräche.
Aber er wäre ja kein berühmter Philosoph geworden, wenn er den anderen nur
zugehört hätte. Dafür wäre er natürlich auch nicht zum Tode verurteilt worden.
Aber vor allem zu Anfang stellte er nur Fragen. So gab er gern vor, nichts zu wissen.
Im Laufe des Gesprächs brachte er dann oft den anderen dazu, die Schwächen
seiner Überlegungen einzusehen. Es konnte dann vorkommen, dass der
Gesprächspartner in die Ecke gedrängt wurde und am Ende einsehen musste, was
Recht und was Unrecht war. Sokrates' Mutter war angeblich Hebamme, und
Sokrates verglich seine eigene Tätigkeit mit der Hebammenkunst. Es ist ja nicht die
Hebamme, die das Kind gebiert. Sie ist nur dabei und hilft während der Geburt.
Sokrates sah es also als seine Aufgabe an, den Menschen bei der »Geburt« der
richtigen Einsicht zu helfen. Denn wirkliche Erkenntnis muss von innen kommen.
Sie kann anderen nicht aufgepfropft werden. Nur die Erkenntnis, die von innen
kommt, ist wirkliche »Einsicht«.
Ich präzisiere: Die Fähigkeit, Kinder zu gebären, ist eine natürliche Eigenschaft.
Ebenso können alle Menschen philosophische Wahrheiten einsehen, wenn sie nur
ihre Vernunft anwenden. Wenn ein Mensch »Vernunft annimmt«, holt er etwas aus
sich selber heraus.
Gerade dadurch, dass er den Unwissenden spielte, zwang Sokrates die Menschen
dazu, ihre Vernunft anzuwenden.